„Es ist ein bisschen wie Familie“ - Region Wetzlar - mittelhessen.de

„Es ist ein bisschen wie Familie“

WOHNprojekt  In Schöffengrund leben vier Generationen in ökumenischer Nachbarschaftsgemeinschaft zusammen

Ein Ort der Gemeinschaft: Gemeinsam pflegen die Bewohner Blumen und Gärten und helfen auch bei Arbeiten am Haus mit. Ort der Privatsphäre: In verschiedenen, nahe beieinander liegenden Häusern im alten Laufdorfer Ortskern wohnen die Familien. Ein Ort des Gebets: die Kapelle unterm Dach. Hier treffen sich die Bewohner einmal am Tag zum gemeinsamen Beten. Ein Ort der Gespräche: das Wohnzimmer im Gemeinschaftshaus in einer umgebauten Scheune im Laufdorfer Ortskern. (Fotos: Freudenmann)

Heute sind alle elf Bewohner beim Mittagsessen dabei. Es gibt Rote Beete, Reis, Wild und Gemüse. Der kleine Alberto sitzt auf Anne Jaekels Schoss, während seine Mama Diletta zu Mittag isst. Gesprochen wird am Tisch über das reife Gemüse im großen Garten, über Kita-Gebühren und Arbeiten am Dach des Hauses.

Auch der sechs Monate alte Alberto will mitessen, knabbert an einem Stück Gurke. Er ist der jüngste Bewohner der Nachbarschaftsgemeinschaft im alten Dorfkern Laufdorfs. Neben ihm sitzt Christa Walny. Sie ist mit 75 Jahren die älteste Bewohnerin im Laurentiuskonvent, in dem Christen verschiedener Konfessionen und mit unterschiedlichen Berufen derzeit aus Deutschland, Frankreich und Italien zusammenleben. „Das hier ist eine einmalige Chance: Jeder wohnt für sich in einer Wohnung, wir machen nicht alles zusammen, haben aber gemeinsame Vorhaben und auch eine spirituelle Forderung aneinander“, sagt Walny, die seit neun Jahren im Laurentiuskonvent lebt.

Auch Daniel und Diletta Tandoi, die erst vor wenigen Monaten nach Laufdorf gezogen sind, genießen das generationen- und konfessionsübergreifende Wohnen. „Es sind ganz viele Omas, Opas, Tanten und Onkels für unseren kleinen Alberto da“, sagt Papa Daniel Tandoi. Er ist Pilot und pendelt nach Frankfurt. „Ich bin beruflich viel unterwegs und da ist es für meine Frau und meinen Sohn toll, in einer Gemeinschaft zu sein.“ Er habe selbst viele positiven Erfahrungen in Wohngemeinschaften gemacht und wollte daran anknüpfen, habe sich bereits viele christliche Gemeinschaften angeschaut. „Wir haben hier Gemeinschaft und Privatsphäre. Auch der konfessionsverbindende Aspekt ist uns wichtig“, sagt Tandoi. „Religion im Alltag leben, fällt uns in der Gemeinschaft leichter“, sagt Tandoi, der sich mit seiner Frau, einer gebürtigen Mailänderin, auch in der Friedens- und Flüchtlingsarbeit engagiert.

Mit syrischen Flüchtlingen, die eineinhalb Jahre in Gästezimmern im Gemeinschaftshaus gewohnt haben und inzwischen in der Nachbarschaft leben, pflege man eine gute Gemeinschaft, helfe sich gegenseitig.

Nach dem Essen trägt Stephan Hünninger Teller in die Küche. Dort hängt der Wochenplan, in dem eingetragen wird, wer wann mit welchen Gästen am Essen teilnimmt, wer kocht. „Wir haben viele internationale Gäste, Fortbildungen werden bei uns gemacht“, sagt der evangelische Pfarrer, geht die Treppe hoch und öffnet die Tür zur Kapelle unter dem Dach. „Hier treffen wir uns einmal am Tag“, sagt der 61-Jährige.

Daniel Tandoi: „Es sind ganz viele Omas, Opas, Tanten und Onkels für unseren kleinen Alberto da“

Das Gemeinschaftshaus, das dem Laurentiuskonvent gehöre, besteht seit 1985. Im Laufe der Jahre wurden mehrere Häuser im Ortskern hinzugekauft oder gemietet und zumeist in Eigenleistung und gefördert im Rahmen des Entwicklungsplans für den ländlichen Raum saniert. „Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, aber wir teilen unser Leben und unseren Glauben, haben eine gemeinsame Haushaltskasse und kaufen möglichst fair und regional ein“, erzählt Hünninger. Er kümmert sich in der Gemeinschaft um das Thema Finanzen und Organisation. Jeder koche einmal pro Woche, gemeinsam werden die sechs Gärten samt Apfelhain rund um das Gemeinschaftshaus gepflegt. „Unsere Hühner liefern Eier und schauen beim Kochen in der Gemeinschaftsküche zu.“ Jeden Montag treffe man sich, um Termine abzustimmen, Projekte und Besuche zu besprechen und Arbeiten zu koordinieren, jeden Donnerstag treffe man sich zum Bibelteilen. Dabei profitieren auch die verschiedenen Generationen voneinander: „Wir schauen, wo wir uns gegenseitig Aufgaben abnehmen können. Die Älteren kümmern sich um unser jüngstes Mitglied Alberto. Die Jüngeren fahren die Älteren zu Arztbesuchen. Es ist ein bisschen wie Familie“, erzählt Bewohnerin Anne Jaekel. „Auch die Erfahrung der Älteren im Alltag ist oft gefragt.“

Anne und Bodo Jaekel wohnen seit 2016 in der Laufdorfer Nachbarschaftsgemeinschaft. Sie arbeitet in der Haus- und Familienhilfe, er als Küster in der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar. „Wir haben früher nie in Gemeinschaft gewohnt, hatten eine Gärtnerei in der Lüneburger Heide, aber dann den Wunsch nach mehr Spiritualität in unserem Leben. Das gemeinsame Gebet ist uns wichtig“, sagt Anne Jaekel. Nach einem Aufenthalt in Taizé haben sie und ihr Mann „einfach mal gegoogelt“ und sind auf das Projekt in Schöffengrund gestoßen.

Wie viel Generationen unter einem Dach leben, spiele für sie keine besondere Rolle. „Von mir aus könnten es noch mehr sein“, sagt sie – und lacht. Derzeit wohnt auch ihr Sohn für einige Wochen in Laufdorf, der ein Praktikum bei der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg macht. „Die Gemeinschaft ist in jedem Alter ein absoluter Vorteil. Dabei haben wir keine Kugel am Bein und können auch mal die Privatsphäre genießen. Wir sind nämlich auch echt verschieden.“

Bevor eine neue Familie, ein Paar oder eine Einzelperson hinzukommt, beschnuppere man sich zunächst. „Es dauert meist ein bis zwei Jahre vom ersten Kennenlernen bis zum Einzug“, erzählt Hünninger. Er spaziert gerade durch einen der Gärten. Am Wochenende steht wieder eine Pflegeaktion im Garten an. „Wenn alle mit anpacken, bekommt man auch richtig viel geschafft. Gemeinsam geht einfach so viel besser.“

 

Laurentiuskonvent

Im Laurentiuskonvent Laufdorf leben Christen aus verschiedenen Konfessionen und Gegenden Deutschlands und Europas zusammen. Sie wohnen in verschiedenen Häusern im Ortskern Laufdorfs und haben zudem ein Gemeinschaftshaus, das die Bewohner gemeinsam verantworten. Die Bewohner essen zusammen, treffen sich zu Gruppenabenden, beten, singen, musizieren. Sie haben eine gemeinsame Haushaltskasse und engagieren sich in Projekten wie dem Friedenstreff, Umweltprojekten, in der Flüchtlingsarbeit und Dorferneuerung. Kontakt: (0 64 45) 55 60 und 30 20 00, www.laurentiuskonvent.de. (taf)